Von der manuellen Rechnungsprüfung zur vollautomatischen Buchhaltung: Ein Praxisbeispiel aus der DACH-Region
Erfahren Sie, wie ein mittelständisches Unternehmen aus Deutschland durch digitale Buchhaltungsprozesse 80 % der Zeit einspart – inklusive konkreter Schritte, Herausforderungen und messbarer Ergebnisse.
Von der Stempelkarte zur KI: Wie ein Handwerksbetrieb seine Buchhaltung revolutionierte
Es war ein typischer Dienstagnachmittag im Büro von Bauer Metallbau, einem mittelständischen Metallverarbeitungsbetrieb mit 45 Mitarbeitenden in Bayern. Während im Produktionsbereich die Maschinen surrten, saß Buchhalterin Frau Meier wie so oft über einem Stapel Rechnungen – einige mit handschriftlichen Korrekturen, andere mit fehlenden Steuerangaben. Die monatliche Rechnungsprüfung nahm regelmäßig drei volle Arbeitstage in Anspruch, und Fehlbuchungen führten immer wieder zu Rückfragen des Steuerberaters. „Irgendwann reicht’s“, dachte sie, als sie zum fünften Mal an diesem Tag eine falsch zugeordnete Kostenstelle im ERP-System korrigieren musste.
Drei Monate später sah die Realität anders aus: 92 % aller Eingangsrechnungen wurden automatisch erfasst, geprüft und verbucht – ohne manuelles Eingreifen. Die Fehlerquote sank auf unter 1 %, und Frau Meier konnte sich endlich strategischen Aufgaben wie der Liquiditätsplanung widmen. Wie dieser Wandel gelang? Durch eine schrittweise Automatisierung der Buchhaltung, die nicht nur Technologie, sondern auch Change-Management erforderte. Dieses Praxisbeispiel zeigt, welche Hürden zu nehmen waren, welche Lösungen sich bewährten und welche Lehren andere Unternehmen daraus ziehen können.
Die Ausgangslage: Warum die manuelle Buchhaltung an ihre Grenzen stieß
Für viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in der DACH-Region ist das Szenario vertraut: Buchhaltungsprozesse wachsen historisch – oft aus Excel-Tabellen oder papierbasierten Abläufen heraus. Bei Bauer Metallbau war es nicht anders. Mit steigendem Auftragsvolumen häuften sich die Probleme:
- Zeitfresser Rechnungsprüfung: Jede Eingangsrechnung musste manuell auf Plausibilität geprüft, mit Bestellungen abgeglichen und im ERP-System (hier: Sage 100) erfasst werden. Bei 300 Rechnungen im Monat ergab das rund 60 Stunden Arbeitszeit – allein für repetitive Tätigkeiten.
- Fehleranfälligkeit: Menschliche Eingabefehler führten zu falschen Steuerzuordnungen (z. B. Vorsteuer statt nicht abzugsfähiger Betriebsausgaben) oder doppelten Buchungen. Die Folge: aufwendige Korrekturen und zusätzliche Kosten für den Steuerberater.
- Compliance-Risiken: Durch unklare Verantwortlichkeiten bei der Freigabe von Rechnungen kam es vor, dass Zahlungsfristen versäumt wurden oder Rechnungen ohne ausreichende Prüfung beglichen wurden – ein Risiko, das mit der Einführung der GoBD (Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern) noch brisanter wurde.
- Skalierungsproblem: Mit jedem neuen Mitarbeitenden oder Standorteröffnung stieg der administrative Aufwand überproportional. „Wir konnten uns nicht vorstellen, wie das bei 60 Mitarbeitenden aussehen sollte“, erinnert sich Geschäftsführer Herr Bauer.
Die Entscheidung stand fest: Es musste eine Lösung her, die nicht nur Zeit sparte, sondern auch die Qualität der Buchhaltung verbesserte – ohne die bestehende IT-Infrastruktur komplett auf den Kopf zu stellen.
Schritt 1: Digitalisierung der Rechnungseingänge – der erste Dominoeffekt
Der entscheidende Hebel lag im Rechnungseingang, dem Ausgangspunkt aller Buchhaltungsprozesse. Bisher trafen Rechnungen per Post, E-Mail oder Fax ein und wurden manuell weiterverarbeitet. Der erste Schritt war daher die zentrale Digitalisierung aller Dokumente – unabhängig vom Eingangsweg.
Die Lösung: Ein hybrides Erfassungssystem
Anstatt auf eine teure All-in-One-Software zu setzen, kombinierte Bauer Metallbau bestehende Tools mit neuen Automatisierungen:
- E-Mail-Postfach für Rechnungen: Alle Lieferanten wurden angebunden, Rechnungen ausschließlich an eine dedizierte E-Mail-Adresse (rechnungen@bauer-metallbau.de) zu senden. Ein automatisiertes E-Mail-Routing leitete eingehende PDFs direkt an die Buchhaltungssoftware weiter.
- Postdigitalisierung: Für physische Rechnungen nutzte das Unternehmen einen Dokumentenscanner mit OCR-Technologie (Optical Character Recognition), der die Daten direkt in ein digitales Format überführte. Die Investition von rund 1.200 Euro amortisierte sich bereits nach vier Monaten.
- Schnittstelle zum ERP: Über eine API-Anbindung zwischen dem Scanner-Tool (hier: ABBYY FlexiCapture) und dem ERP-System wurden die extrahierten Daten (Rechnungsnummer, Betrag, Lieferant, Steuerangaben) automatisch in die entsprechenden Felder übertragen.
Ergebnis nach 3 Monaten:
- 70 % der Rechnungen wurden ohne manuelles Zutun digital erfasst.
- Die Durchlaufzeit von Rechnungseingang bis zur Buchung verkürzte sich von 5 auf 2 Tage.
- „Allein das Sparen von Tipparbeit war ein Game-Changer“, so Frau Meier.
Schritt 2: Automatisierte Prüfung und Freigabe – KI als „zweiter Buchhalter“
Die digitale Erfassung war jedoch nur der erste Schritt. Nun galt es, die inhaltliche Prüfung der Rechnungen zu automatisieren – eine Aufgabe, die bisher viel Erfahrung und Fachwissen erforderte. Hier kam künstliche Intelligenz (KI) ins Spiel, allerdings nicht als „Black Box“, sondern als unterstützendes Werkzeug.
Wie die KI-Rechnungsprüfung funktioniert
Das Unternehmen setzte auf eine Cloud-basierte Buchhaltungslösung mit KI-Modul (ähnlich Datev Unternehmen online oder Lexoffice), das folgende Prüfschritte übernahm:
- Datenvalidierung: Die KI verglich die Rechnungsdaten mit den Stammdaten der Lieferanten (z. B. IBAN, Steuernummer) und markierte Abweichungen.
- Plausibilitätscheck: Ungewöhnliche Beträge (z. B. 20 % über dem Durchschnitt früherer Rechnungen desselben Lieferanten) wurden automatisch als „prüfungsbedürftig“ gekennzeichnet.
- Steuerliche Zuordnung: Basierend auf hinterlegten Regeln (z. B. „Rechnungen von Lieferant X sind immer zu 100 % vorsteuerabzugsfähig“) schlägt die KI die korrekte Kontierung vor.
- Freigabe-Workflow: Rechnungen unter 500 Euro wurden nach erfolgreicher Prüfung automatisch freigegeben; höhere Beträge gingen an die zuständige Fachabteilung zur manuellen Freigabe.
Herausforderung: Vertrauen in die KI aufbauen „Am Anfang haben wir jede KI-Entscheidung manuell gegengeprüft“, gibt Frau Meier zu. Doch nach einer zweimonatigen Testphase mit paralleler manueller Bearbeitung zeigte sich: Die KI lag in 98 % der Fälle richtig. „Die wenigen Fehler waren meist auf unklare Rechnungsangaben zurückzuführen – da hätte auch ein Mensch Probleme gehabt.“
Ergebnis nach 6 Monaten:
- 85 % der Rechnungen wurden vollständig automatisch geprüft und verbucht.
- Die Fehlerquote sank von 3 % auf 0,8 %.
- Die Buchhaltung konnte erstmals monatliche Abschlüsse bereits am 3. Werktag vorlegen – statt wie bisher am 10.
Schritt 3: Vollautomatisierung der Buchung – wenn die Software den Steuerberater entlastet
Der letzte Schritt war die nahtlose Integration in die Finanzbuchhaltung. Ziel war es, dass die geprüften Rechnungen nicht nur digital vorlagen, sondern direkt buchungsfertig im System landeten – inklusive aller Belege und Prüfprotokolle für die GoBD-konforme Archivierung.
Technische Umsetzung
- Automatische Kontierung: Die KI ordnete jede Rechnung basierend auf historischen Daten und vordefinierten Regeln einem Konto zu (z. B. „Büromaterial“ oder „Maschinenwartung“).
- Schnittstelle zum Steuerberater: Über eine DATEV-Schnittstelle wurden die verbuchten Daten direkt an die Steuerkanzlei übermittelt – ohne manuellen Export.
- Dokumentenmanagement: Alle Rechnungen und Prüfprotokolle wurden revisionssicher in einem DMS (Dokumentenmanagementsystem) abgelegt, das auch den GoBD-Anforderungen genügte.
Wichtig: Der Mensch bleibt im Loop Trotz Automatisierung behielt Frau Meier die letzte Kontrollinstanz:
- Stichprobenartige Prüfungen von 5 % der automatisierten Buchungen.
- Monatliche Auswertung der KI-Entscheidungen, um die Algorithmen zu verbessern.
- „Die Automatisierung entlastet uns, aber die Verantwortung bleibt“, betont sie.
Endergebnis nach 12 Monaten:
| Kennzahl | Vor der Automatisierung | Nach der Automatisierung |
|---|---|---|
| Zeitaufwand Rechnungsprüfung | 60 h/Monat | 8 h/Monat |
| Fehlerquote | ~3 % | < 1 % |
| Durchlaufzeit bis zur Buchung | 5–7 Tage | 1–2 Tage |
| Kosten für externe Buchhaltung | 12.000 €/Jahr | 4.500 €/Jahr |
Die größten Learnings – und was andere Unternehmen daraus mitnehmen können
Der Weg von der manuellen zur automatisierten Buchhaltung war für Bauer Metallbau kein Sprint, sondern ein Marathon mit klaren Etappenzielen. Drei zentrale Erkenntnisse, die auch für andere KMU relevant sind:
1. Automatisierung ist kein „Alles-oder-nichts“-Projekt
Viele Unternehmen scheuen die Digitalisierung, weil sie eine komplette Systemumstellung fürchten. Doch wie das Beispiel zeigt, lassen sich Teilprozesse schrittweise automatisieren – beginnend mit dem größten Schmerzpunkt (hier: Rechnungseingang). „Wir hätten nie auf Anhieb 100 % Automatisierung geschafft. Aber 20 % Verbesserung waren schon nach drei Monaten spürbar“, so Herr Bauer.
2. Change-Management ist genauso wichtig wie die Technologie
Die größte Hürde war nicht die Software, sondern die Akzeptanz im Team. Folgende Maßnahmen halfen:
- Schulungen: Workshops zur Bedienung der neuen Tools – nicht nur für die Buchhaltung, sondern auch für Abteilungsleiter, die Rechnungen freigeben mussten.
- Transparenz: Regelmäßige Updates über Fortschritte und Einsparungen (z. B. „Dieser Monat haben wir 18 Stunden gespart“).
- Pilotphase: Die Automatisierung wurde zunächst nur für einen Lieferanten getestet, bevor sie ausgerollt wurde.
3. Compliance und Datensicherheit dürfen keine Nachgedanken sein
Besonders in Deutschland und Österreich sind die Anforderungen an die GoBD-konforme Archivierung und den Datenschutz (DSGVO) hoch. Bauer Metallbau setzte daher auf:
- Zertifizierte Cloud-Lösungen mit Servern in Deutschland.
- Automatische Prüfprotokolle, die jede Änderung dokumentieren.
- Regelmäßige Backups und Zugriffsbeschränkungen für sensible Daten.
Fazit: Automatisierung ist kein Luxus, sondern ein Wettbewerbsvorteil
Für Bauer Metallbau war die Automatisierung der Buchhaltung kein Selbstzweck, sondern ein strategischer Hebel:
- Zeitersparnis: Die Buchhaltung konnte um 80 % entlastet werden – Kapazitäten, die nun für Analysen oder die Begleitung von Investitionsprojekten genutzt werden.
- Kostensenkung: Durch weniger Fehler und schnellere Prozesse sanken die externen Beratungskosten um über 60 %.
- Skalierbarkeit: Das Unternehmen kann nun schneller wachsen, ohne dass die Verwaltung zum Flaschenhals wird.
„Rückblickend frage ich mich, warum wir nicht früher damit angefangen haben“, sagt Herr Bauer. „Die Technologie ist da, die Tools sind bezahlbar – es fehlt oft nur der erste Schritt.“
Ihr nächster Schritt: Wie Sie die Buchhaltungsautomatisierung angehen
Sie erkennen sich in den Herausforderungen von Bauer Metallbau wieder? Dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um Ihre Prozesse zu analysieren. Beginnen Sie mit diesen Fragen:
- Wo verlieren Sie aktuell die meisten Zeit in der Buchhaltung?
- Welche repetitiven Aufgaben könnten bereits heute automatisiert werden?
- Wie sieht Ihre ideale digitale Buchhaltungslandschaft in 12 Monaten aus?
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